So einfach und so effektiv: Alev Deniz überträgt mit ihrem Verein „Wir im Brunnenviertel“ Jugendlichen mit Migrationsgeschichte von Tag 1 viel Verantwortung. Was sie selbst gerne machen und gut können, zeigen sie anderen. Was dadurch entsteht: Jede Menge Energie und das Gefühl von Selbstwirksamkeit.
„Wir im Brunnenviertel“ (WIB) nahm seinen Anfang, als Alev Deniz Quartiersmanagerin in Berlin-Wedding war. „Wir hatten die Idee, den Menschen im Viertel mehr Gelegenheiten zu bieten, selbst etwas machen, etwas gestalten zu können“, erzählt sie. Als sie eine Förderung beantragen wollte, schrieb Alev Deniz über Nacht das Konzept für WIB. Das Prinzip: Jugendliche mit Migrationsgeschichte machen ihre Leidenschaften und Talente zu einem eigenen Projekt und schaffen für andere Jugendliche Angebote.


Das Prinzip Verantwortung
„Zu Beginn war es für die Jugendlichen unvorstellbar, dass wir ihnen Verantwortung übertragen haben“, weiß Deniz. Die ersten Fragen, die sie den jungen Berlinern stellte: Was kannst du? Worauf hast du Lust? Der eine bietet einen Breakdance-Kurs an, die andere Hausaugabenhilfe, Theater oder einen Kochkurs. Die Jugendlichen müssen selbst dafür sorgen, dass andere davon erfahren, machen Werbung und fragen in Jugendzentren nach Räumen. Alev Deniz unterstützt die sie dabei, bahnte Kooperationen an. Die Jugendlichen stellte sie als ihre Mitarbeitenden vor.
Das Projekt wurde im Kiez immer bekannter und bekam viel Unterstützung, auch weil die Leute sehr gute Erfahrungen mit den Jugendlichen gemacht haben. Es kamen immer mehr Teenager, die etwas machen wollten – und Alev Deniz übertrug denen, die schon da waren, wieder etwas mehr Verantwortung: Sie sollten gemeinsam entscheiden, welche Jugendlichen dabei sein durften, welche Angebote es geben sollte. Sie hielten Teamsitzungen ab, führten Bewerbungsgespräche, diskutierten. „Sie wurden immer eigenständiger“, sagt Deniz. So entstand eine feste Gruppe, die 2013 entschied, den Verein zu gründen. Eine der Jugendlichen von damals ist heute Vorstandsvorsitzende und Deniz‘ Chefin.
Authentisches Vorbild
„Es macht etwas mit jungen Menschen, wenn sie für das eigene Projekt die Verantwortung tragen“, sagt Deniz. „Sie lernen, dass sie Aufgaben erfolgreich lösen können, sie werden mutiger und selbstbewusster, und merken, dass sie sein können, wer sie gerne sein möchten. Sie schützen die Räume, zu denen sie die Schlüssel haben und halten Ordnung. Es ist kein einziges Mal vorgekommen, dass mein Vertrauen missbraucht wurde.“
Alev Deniz ist ein authentisches Vorbild für die Jugendlichen. Sie nimmt sie ernst, redet ihnen auch ins Gewissen, wenn sie nicht ausreichend Deutsch lernen oder zu viele Fehltage in der Schule haben. Sie kennt ihre Bedürfnisse aus eigener Erfahrung, sie weiß mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert sind und kennt die Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind.
Alev Deniz, 53, war 15 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern nach Deutschland kam. In Hamburg-Wilhelmsburg sei die Familie „total isoliert“ gewesen, sagt sie. Ende der 1980er-Jahre gab es keine Deutsch- oder Integrationskurse oder eine Infrastruktur für Beratungen. Asylbewerber:innen waren noch stärker auf sich selbst gestellt, als sie es heute sind. Obwohl sie eine gute Schülerin war, musste sie zunächst auf die Hauptschule, bahnte sich aber einen Weg bis an die Universität in Berlin. „Als ich gehört habe, dass man in Deutschland für die Uni nichts bezahlen muss, war es mein einziges Ziel, an die Uni zu kommen“, sagt sie. Sie studierte Soziologie und Politik, arbeitete eine Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit in Uganda, dann als Quartiersmanagerin im Brunnenviertel im Berliner Stadtteil Wedding.
Mittlerweile bereitet Alev Deniz, die eine halbe Stelle in einem Projekt hat und den Rest ihrer 7-Tage-Woche als Geschäftsführerin ehrenamtlich arbeitet, die Jugendlichen auch auf ihre berufliche Laufbahn vor. Sie überlegt mit ihnen gemeinsam, welche Ausbildung die richtige sein könnte und coacht sie vor Bewerbungsgesprächen. „Mein Ziel ist es, die jungen Menschen fit zu machen für ein Leben in Deutschland. Menschen mit Migrationshintergrund machen einen relevanten Teil der Gesellschaft aus – und es ist nötig, dass wir aktiv an der Gesellschaft teilnehmen. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Jugendlichen darauf vorzubereiten.“

Neuruppin – ähnlich und doch ganz anders
Vor zwei Jahren ergab sich für Alev Deniz die Möglichkeit, ihre Idee auch in Neuruppin umzusetzen. Lange hatte sie mit ihren Kolleginnen diskutiert, ob sie ausreichend Kapazitäten hätten, ob der zeitliche Aufwand, das Pendeln in die 80 Kilometer entfernte Stadt und die vielen zusätzlichen ehrenamtlichen Arbeitsstunden sich lohnen würden. Sie fragten sich, ob es Widerstand gegen eine Migrant:innenorganisation in der 30.000-Einwohner:innen-Stadt geben würde. „Wir haben dann entschieden, dass wir den Schritt raus aus Berlin gehen. Wir waren uns sicher: Die Jugendlichen in Neuruppin brauchen uns“, erinnert sich Deniz.
In Neuruppin waren Angebote für Jugendliche, die in einer Geflüchtetenunterkunft leben, rar. Die Jugendlichen hatten keine Anlaufstelle, keine Community. „Der Start in Neuruppin war wie 2005 im Brunnenviertel in Berlin“, sagt Deniz, „Netzwerke knüpfen, feststellen, dass sich immer Jugendliche finden, die sich engagieren wollen – und dann zusehen, wie sie aufblühen. Das bringt mich zum Strahlen.“

In Neuruppin, sagt Alev Deniz, sei es nicht nötig gewesen, Werbung für die Angebote des Vereins zu machen. Das Bedürfnis der Jugendlichen, etwas zu machen, das ihnen selbst Spaß macht, eine Aufgabe zu haben, noch dazu mit viel Verantwortung, sei hier sogar noch größer als in Berlin. „Willkommen in Neuruppin“ konnte zügig an den Start gehen.
In Neuruppin, wo die Stadt das Projekt die ersten zwei Jahre finanziert hat, engagieren sich bereits 17 Jugendliche im WIB. Der Name ist geblieben, obwohl das Brunnenviertel weit weg ist. Alev Deniz ist zufrieden mit der Entwicklung des Projekts: „Ein großer Unterschied zu Berlin ist, dass sich in Neuruppin die Leute alle untereinander kennen. Das öffnet Türen und der Informationsfluss ist schneller“, sagt sie. „Außerdem unterstützt die Verwaltung unser Projekt sehr.“ In Berlin werde viel Verantwortung für die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte an Vereine und gemeinnützige Organisationen abgegeben. „In Neuruppin übernehmen die Stadt und der Landkreis Verantwortung.“
Und die Jugendlichen? Sie haben ein Video aufgenommen, in dem einige von ihnen sich und ihre Arbeit vorstellen und erklären, was WIB ihnen bedeutet.
„WIB ist wie eine kleine Familie für mich. Alle unterstützen sich gegenseitig“, sagt Ali, 15, der verschiedene Sportangebote macht.
„WIB hat mir Hoffnung gegeben“, sagt Yalda, 17, die „ruhiges Lernen“ anbietet, da viele Jugendliche in ihrer Unterkunft keine Ruhe für Schulaufgaben haben.
„WIB gibt mir Motivation und das Gefühl, dass ich etwas bewirken kann“, sagt die 18-jährige Aryan, die Kindern Nachhilfe gibt und Stickkurse anbietet.
Was dem Projekt in Neuruppin noch fehlt: eine stabile Förderung für die nächsten Jahre. Die Finanzierung ist Ende 2025 augelaufen. Ersteinmal betreiben ehrenamtlich Engagierte des Vereins das Projekt weiter und arbeiten an einer Anschlussfinanzierung. Die Jugendlichen möchte Deniz damit erstmal nicht belasten. „Wir empowern weiter und sorgen dafür, dass die Jugendlichen ihren Weg gehen.“
Vielleicht gründen sie ja auch in Neuruppin bald einen eigenen Verein.
Mehr Infos zum Projekt: https://wib-jugend.org/
Der Text steht unter der Lizenz: CC BY-SA 2.0 / Stiftung Bürgermut


