„Aufgaben ist keine Option“ – queerer Mut im ländlichen Raum

Ocean Hale Meißner setzt sich seit Jahren für queere Sichtbarkeit im ländlichen Sachsen ein. Besonders rund um die Organisation von Christopher Street Days in Kleinstädten ist Ocean zu einer wichtigen Stimme geworden. Und damit auch zu einer Zielscheibe. 

Wenn Ocean Hale Meißner durch den eigenen Heimatort geht, ist Queerfeindlichkeit längst kein Randphänomen mehr. Abwertende Kommentare, offene Anfeindungen, Morddrohungen sind Teil des Alltags geworden. Was früher vor allem von klar erkennbaren rechten Gruppen ausging, hat sich spürbar verschoben. Heute komme Queerfeindlichkeit, Antifeminismus und rassistisches Denken aus der Mitte der Gesellschaft, aus Nachbarschaften, Familien, Alltagsgesprächen, sagt Ocean.

Und trotzdem: Ocean liebt diese Gegend, ist hier verwurzelt. Sich wegdrängen lassen und aufgeben sind keine Option.

Ocean Hale Meißner ist eine queere Person, die keine Pronomen nutzt, und sich seit Jahren für queere Sichtbarkeit im ländlichen Sachsen engagiert. Besonders rund um die Organisation von Christopher Street Days in Kleinstädten ist Ocean zu einer wichtigen Stimme geworden. Und damit auch zu einer Zielscheibe.

Ein junger Mann in schwarzer Kleidung sitzt auf einer Veranstaltung.
Foto: Ronja Arndt / Stiftung Bürgermut

Alltag zwischen Bedrohung und Haltung

„Wenn andere hören, dass ich queer und antifaschistisch im ländlichen Raum von Sachsen aufgewachsen bin, denken die immer: Das muss eine schlimme Jugend gewesen sein. Aber ich habe das geilste Leben gehabt als queere antifaschistische Person – Dorfleben ist geil. Ich hatte das große Glück, in einer stabilen Zeit an einem stabilen Ort aufzuwachsen. Vor mir gab es die sogenannten Baseballschlägerjahre und jetzt kippt es erneut. Ich möchte einfach, dass die nächste Generation dieses geile Leben haben kann, das ich in meiner Jugend hatte.“

Angepöbelt zu werden gehört für Ocean inzwischen fast zur Normalität. Wie die Reaktion darauf ausfällt, entscheidet Ocean situativ: manchmal mit Ignorieren, manchmal mit einem trockenen Spruch. Schwarzer Humor wird zur Strategie – entwaffnend, überraschend, deeskalierend. Gespräche auf Augenhöhe sind seltener geworden. In einer Welt, in der aus Fakten schnell Meinungen werden und seriöse Medien als „Lügenpresse“ gelten, bricht Austausch oft ab, bevor er beginnen kann. Dort, wo Zweifel und Offenheit noch spürbar sind, sucht Ocean trotzdem weiterhin das Gespräch.

Dass Ocean heute so klar Haltung zeigt, hat auch mit einem prägenden Erlebnis zu tun: einem queeren Aufklärungsworkshop in der Schulzeit, durchgeführt vom Verein RosaLinde Leipzig e.V. Zum ersten Mal wurde hier für Ocean sichtbar, dass es queeres Leben gibt und dass es Ansprechpersonen für die Themen und Fragen zur eigenen Queerness gibt.

„In Berlin oder Leipzig hast du mehr Berührungspunkte damit. Bei uns hier im sächsischen Hinterland nicht, deswegen ist für mich durch den Workshop eine Welt aufgegangen.“

Aus dieser Erfahrung entstand die Idee einer Wanderausstellung zu queeren Lebensrealitäten im ländlichen Sachsen. Die Ausstellung tourte durch Kleinstädte, stand auf Marktplätzen, schuf Begegnung. Sie brachte queere Menschen zusammen, die sich zuvor nicht kannten. Aus einzelnen Gruppen wurden Netzwerke. Aus Netzwerken entstand der erste CSD. 2019 gab es in Sachsen vier CSDs. Fünf Jahre später waren es rund 20 – getragen von Menschen, die gemerkt haben: Wir sind da. Und wir sind viele.

Ocean spricht auf dem openTransfer CAMP in Erfurt 2025
Foto: Ronja Arndt / Stiftung Bürgermut

CSDs zwischen Empowerment und Eskalation

Mit der wachsenden Sichtbarkeit wuchs auch der Gegenwind. In Döbeln kam es zu Buttersäureanschlägen, massiven Bedrohungen und dem offenem Zeigen von Reichsflaggen. Nach diesen erschreckenden Erfahrungen beim CSD 2024 war sich die Gruppe lange unsicher, ob sie weitermachen würde. Letztlich entschieden sie sich dafür und gab den Einschüchterungsversuchen der Neonazis nicht nach.

Dennoch blieben die Erfahrungen nicht ohne Reaktion. Viele Menschen aus der Region blieben fern. Familien, die sonst jedes Jahr dabei waren, schrieben Ocean privat, dass sie sich aus Angst vor Repressionen im Alltag, vor Konsequenzen im Job oder im Dorf nicht mehr trauten, am CSD teilzunehmen. Unterstützung kam stattdessen zunehmend aus Großstädten: Antifaschistisch organisierte Gruppen halfen, Schutzkonzepte aufzustellen und schirmten den Demonstrationszug ab.

„Was mich sehr berührt hat, war, dass trotz der heftigen Konfrontationen einzelne Menschen nach dem CSD zu mir kamen und sagten, dass sie sich sogar fallen lassen konnten, getanzt und Spaß gehabt haben. Das zeigt uns, dass unser Schutzkonzept weitgehend erfolgreich war.“

Für die Organisierenden vor Ort gilt das weder auf der Demonstration noch im Alltag. Sie erhalten regelmäßig Mord- und Gewaltandrohungen. „Ich verstehe nicht, warum wir als pazifistische und aktivistische Menschen uns Gedanken über unseren eigenen Schutz machen müssen. Das wäre eigentlich Aufgabe des Staates.“

Ocean spricht auf einer Veranstaltung mit einer anderen Teilnehmerin.
Foto: Ronja Arndt / Stiftung Bürgermut

Mut wirkt – und braucht Schutz

Gesellschaftliche Stimmung ändert sich nicht von selbst. Sie ändert sich, wenn Menschen sichtbar bleiben, Netzwerke knüpfen, Wissen teilen, Räume schaffen. Wenn sie damit aufhören – weil es zu gefährlich, zu erschöpfend, zu einsam wird –, verschwinden die ohnehin wenigen öffentlichen Perspektiven und Schutzräume. Deshalb brauchen queere aktivistische Gruppen in ländlichen Räumen Solidarität, Schutz und Ressourcen für Bildungsarbeit und Aufklärung.

Ocean reist zu Kundgebungen von Pirna bis München, von Leipzig bis Köln, spricht auf Podien und ist bundesweit präsent – gut vernetzt und unermüdlich aktiv, um eigene Erfahrungen weiterzutragen und Allianzen zu schmieden, die der wachsenden Queerfeindlichkeit und dem Rechtsextremismus auf lokaler wie gesamtgesellschaftlicher Ebene etwas entgegensetzen.

Diese Arbeit fordert ihren Preis. Auch der kämpferischsten Stimme im Hinterland fehlt manchmal die Kraft, weiterzumachen. Ocean hat sich 2026 wegen eines Burnouts aus der aktivistischen Arbeit und den sozialen Medien zurückgezogen, um sich Zeit für die Genesung zu nehmen. Auch das ist Teil der Realität und kein Einzelfall. Umso mehr liegt es in der Verantwortung von uns allen, dafür zu sorgen, dass der Kampf um demokratische Freiheiten weitergeht, getragen von vielen Schultern. Dazu braucht es neben solidarischen Netzwerken und engagierten Menschen auch einen verlässlichen rechtlichen Schutz queerer Menschen. Denn zivilgesellschaftliches Engagement kann staatliche Verantwortung nicht ersetzen.

Der Text steht unter der Lizenz: CC BY-SA 2.0 / Stiftung Bürgermut

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